Die AfD in NRW mutiert zur politischen “Wirecard”

21. August 2020 1 Von Henry Stutzen

Betrachtet man die AfD in Nordrhein-Westfalen (NRW), so glaubt man sich immer mehr “im falschen Film” wieder zu finden. Seitdem der Oberst im Ruhestand, H. Rüdiger Lucassen, im Oktober 2019 die Macht bei der AfD-NRW ergriffen hat, werden Erinnerungen an den 1. Teil der Hollywood-Quadrologie “Stirb Langsam” mit Bruce Willis wach: “Hey Schweinebacke”, dort dachte man zunächst auch, die Besetzer des Hochhauses wären politische Idealisten, bis sich dann herausstellte, dass es lediglich gewöhnliche Strauchdiebe sind, die es auf den schnöden Mammon abgesehen haben. So bekommt man von der AfD in NRW dann oft auch ein “X” für ein “U” vor gemacht. Die sogenannte “Pressekonferenz” (PK) Ende Juni 2020 zur Kommunalwahl mit Lucassen, seiner “rechten Hand” Matthias Helferich und einem der wenigen, in der ehemaligen “Professoren-Partei” noch verbliebenen habilitierten Akademiker, dem “musischen Typ” Hans Neuhof aus Bonn-Mehlem, war mutmaßlich eine perfide Inszenierung von “business as usual” – eine Alibi-Veranstaltung par exellence, ein dreistes “Fake”. Mit ziemlicher Sicherheit wurde die PK nämlich in den sterilen Räumlichkeiten der sogenannten Landesgeschäftsstelle der AfD in Düsseldorf aufgenommen. Allein die Vertreter der Presse fehlten dort wohl. Dennoch sollte offenbar der Eindruck erweckt werden, als habe man Wichtiges zu verkünden. Es wird mehrfach (!) betont, dass die Stellungnahmen der “3 Amigos” lediglich eine beschreibende Einleitung der PK seien und damit der Eindruck erweckt, dass danach der größere Hauptteil folge. In diesem stellen üblicherweise die Journalisten ihre Fragen. Auf youtube ist davon aber nichts zu sehen und zu hören. Die Aufnahme endet einfach abrupt. Unfassbar, denn damit führt die AfD-NRW die Presse, die Wähler, die gesamte Öffentlichkeit und sogar ihre eigenen Mitglieder hinter´s Licht. Es soll offenbar nur der Schein von Wichtigkeit und Akzeptanz der sogenannten “Bürgerlichen” in der AfD erweckt werden, die so gerne keine “Schmuddelkinder” mehr wären, mit denen keiner der etablierten Parteien “spielen” will.

Der Slogan der AfD zur Kommunalwahl in NRW lautet: “Für unsere Leute”. Das klingt verdächtig nach “Mia san mia”. Was bei Bayern-München noch als Integrationsspruch durchgeht, ist bei einer selbsternannten (Hybris) “Volkspartei” AfD ziemlich fehl am Platze. Wer sind denn “…unsere Leute”? Alle “Passdeutsche”? alle”Biodeutsche”?, alle AfD-Sympathisanten?, alle AfD-Wähler? alle AfD-Mitglieder? alle “bürgerlichen” AfD-Mitglieder? oder doch die meisten Amts- und Mandatsträger der AfD-NRW-“Apparatschiks” und solche, die es werden wollen sowie ihre abhängig Beschäftigten (viele Mini-Jobber)? Die Wahlplakate der AfD-NRW lassen es jedenfalls als wahr erscheinen, dass nur die eigenen Mitglieder der sogenannten “Beutegemeinschaft” mit “…unsere(n) Leute(n)” gemeint sind. So taucht z.B. der AfD-Vorsitzende Klaus Laatsch aus dem Sauerland auf einem offiziellen Wahlplakat des Landesverbandes der AfD auf – wohlgemerkt: dieses Plakat ist für die AfD in ganz Nordrhein-Westfalen (und nicht nur in Laatsch´s Wahlkreis) vorgesehen:

“Heimat” ist ein weiteres Schwerpunktthema der AfD in NRW. Nur, welche Heimat ist gemeint, wenn die Assistentin mit Wurzeln aus Albanien des AfD-Landtagsabgeordneten und früheren Co-Sprechers Helmut Seifen (siehe auch: Malbuchaffäre) auf einem Werbeflyer prangt?:

Wer selbst mal in Albanien war, könnte zu dem Schluss kommen , das die “Anständigen” dort geblieben sind, die “Problematischen” jedoch in alle Welt verstreut.

Auf einem weiteren AfD-Infoblatt ist Frau Hong aus Vietnam abgedruckt – kein Model sondern irgendwie selbst Mitglied und/oder mit AfD-lern verbandelt.

Bezeichnend auffällig, dass hier Länder des ehemaigen sozialistischen Ostblocks mindestens als zweite Heimat bei näherer Betrachtung in den Fokus geraten.

Doch wenn man berücksichtigt, dass es in der AfD in NRW sogar in der Landtagsfraktion mindestens eine Abgeordnete (mit Hang zu einem ungewöhnlichen Fetisch) gibt, welches Mitglied der Linkspartei war, sowie ein Ortsverband-Vorsitzender und gesundheitspolitischer Sprecher – nach eigenen Angaben sogar 13 bis 15 Jahre Mitglied im Landesvorstand von Niedersachsen der SED-Nachfolgepartei PDS war, der bei der AfD sogar “linke Politik” machen will, dann erscheint die Auswahl der Werbeträger aus ehemals kommunistischen Ländern dann doch in einem ganz anderen – allerdings zutiefst befremdlichen – Licht.

Oben sehen Sie die Klingel der Landesgeschäftsstelle. Was ist das eigentlich für ein “Laden”? Keinerlei (!) Hinweisschilder (will man sich verstecken?), provisorische Abziehbildchen-Aufkleber ohne Logo auf Klinkel und Briefkasten, als sei man eben erst eingezogen – oder muss man bald wieder ausziehen? Und innen: leere Wände, kaum Akten, kein geschäftiges Treiben, obwohl doch Wahlkampfzeiten herrschen. Es drängt sich daher der dringende Verdacht auf, dass wegen der Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr die Büroräume extra so leer und steril gehalten werden, so dass eine mögliche weitere Hausdurchsuchung keine weiteren Erkenntnisse für die Staatsanwaltschaft mehr ergeben würden. Die wichtigsten Akten dürften ohnehin auf die Privat-Domizile der jeweiligen Protagonisten verteilt sein, so dass die Staatsanwaltschaft in einer konzertierten Aktion vorgehen müsste, wollte sie überhaupt noch etwas erreichen. Dies alles weist erschreckende Parallelen zu Spionage-Thrillern mit konspirativen Wohnungen und “toten Briefkästen” auf. Könnte es daher sein, dass die Geschäftsstelle selbst genauso eine Alibi-Veranstaltung ist, wie die Pressekonferenz?

(Photo by Weegee (Arthur Fellig))

Googelt man die Landesgeschäftsstelle der AfD von NRW, so erscheint gleich als 2. und 3. Bild dies:

“Fatal ist mir das Lumpenpack, das, um die Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau, mit allen seinen Geschwüren.”

Der Spruch belegt eindrucksvoll die Doppelzüngigkeit des AfD-NRW Landes-Vorsitzenden Oberst “im Generalstab” (also eigentlich nicht bei der Bundeswehr sondern bei der Wehrmacht!) a.D. Lucassen. Nach eigenem Bekunden erzählt er zudem im Osten etwas anderes als im Westen.

Offenbar tut er also nur so, als sei er ein glühender Patriot (“hinauf, hinauf zum (Kaiser Wilhelm) Denkmal”). Besonders geeignet zum Stimmenfang für Ost-Delegierte. Auch notwendig für einen möglicherweise angestrebten Sitz im Bundesvorstand oder gar als einziger (!) Bundessprecher (Doppelspitzen lehnt er ja bekanntermaßen ab).

Sollte die AfD selber das 3. Bild (Heinrich Heine) zur Landesgeschäftsstelle eingestellt haben, so ergeben sich allerdings erhebliche Zweifel an der intellektuellen Durchdringungskraft der Verantwortlichen. Das Zitat ist nämlich eindeutig gegen Menschen gerichtet, welche den Patriotismus (zur Erreichung eigener Ziele – ggf. aus niederen Beweggründen) mißbrauchen. Darin könnten dann auch die Parallelen zu den “gewerbsmäßigen” Mitgliedern aus Vorstand und Aufsichtsrat beim Zahlungsdienstleister Wirecard liegen?

Foto: CHRISTOF STACHE / AFP

Auch der Richtungsstreit innerhalb der AfD steht an einem Scheideweg. Vergessen Sie jedoch die 2 Lager: gemäßigte “Alternative Mitte” und den “völkischen” “Flügel”. Die einzigen gegensätzlichen Pole, welche es in der AfD gibt, sind:

Idealisten versus Karrieristen – und das lagerübergreifend!